Auch Männer brauchen eine regelmässige Vorsorge

Krebsvorsorge und -behandlung sind wichtige Gründe für einen Besuch beim Urologen. Dr. Martin Schmidtpeter, Facharzt FMH für Urologie in Lenzburg, spricht darüber, warum der für Frauen selbstverständliche Jahrescheck für Männer ebenfalls sehr wichtig ist.

(Bild: ub) Dr. med. Martin Schmidtpeter ist Inhaber der Urologiepraxis Lenzburg.

(Bild: ub) Dr. med. Martin Schmidtpeter ist Inhaber der Urologiepraxis Lenzburg.

Martin Schmidtpeter, Frau geht im Allgemeinen einmal pro Jahr zum Gynäkologen und lassen einen Check machen. Müssten sich Männer im Sinne einer Vorsorge nicht auch regelmässig vom Arzt untersuchen lassen?
Auf jeden Fall. Ab 50 wäre es sinnvoll. Wenn in der Familienanamnese Prostatakrebsfälle bekannt sind, sogar schon ab 45. Beim Urologen oder Hausarzt kann mit einem einfachen Blutuntersuch der PSA-Wert bestimmt werden. PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen. Erweist sich der Wert als zu hoch, kann das bedeuten, dass mit der Prostata etwas nicht in Ordnung ist und weitere Abklärungen notwendig sind. Dann können wir als Spezialisten frühzeitig reagieren. Wenn der Wert hingegen tief ist und Wasserlösen keine Probleme bereitet, kann ein Kontrollrhythmus von eins bis drei Jahren festgelegt werden.

Warum ist bei Männern in der Regel das 50. Altersjahr ausschlaggebend für eine regelmässige Prüfung ihres Gesundheitszustandes?
Weil Prostatakrebs vor dem 50. Altersjahr äusserst selten auftritt. Es sei denn, man hat eine genetische Veranlagung dazu.

Hodenkrebs betrifft aber fast nur junge Patienten, oder?
Ja, das stimmt. Statistisch gesehen, liegt der Altersgipfel bei 35 Jahren. Patienten können aber ihre Hoden sehr gut selber abtasten. Wer eine Verhärtung im Hoden entdeckt, sollte diese genauer abklären lassen.

Ist es dann nicht schon fast zu spät?
Nein. Hodenkrebs kann sehr gut behandelt werden und hat eine Heilungschance von bis zu 95%. Selbst bei Patienten, die bereits Metastasen (Ableger) haben.

Wie wird Hodenkrebs behandelt?
Wenn die Tumore sich nur auf den Hodenbereich beschränken, werden sie lokal entfernt und es ist meist keine Chemotherapie nötig. Die meisten Betroffenen sind auch nach einem Eingriff noch fruchtbar.

Es heisst, Männer tun sich schwer, einen Urologen zu konsultieren. Erleben Sie das auch in Ihrer Praxis?
Ja. Frauen gehen schon ab der Pubertät einmal pro Jahr zum Frauenarzt. Männer kommen erst, wenn sie Probleme haben. Oder sich mit 50 checken lassen müssen. Dann werden sie oft vom Hausarzt überwiesen, weil ihr PSA-Wert nicht optimal ist.

Die Vorstellung vom Finger im Po beim Prostatauntersuch ist ein Schreckbild für viele Männer…
Die Prostata wird heute nicht mehr routinemässig mit den Fingern kontrolliert, weil das viel zu ungenau ist. Die Untersuchung mittels Tasten findet nur noch dann statt, wenn ein Patient erhöhte PSA-Werte hat. Das ist zwar etwas unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Ansonsten messen wir die Prostata mit Ultraschall aus, dank dem wir exakt feststellen können, ob sie vergrössert ist oder nicht.

Ein Problem, das ungern angesprochen wird, ist Potenzverlust. Kommen Männer überhaupt zu Ihnen und gestehen sich ihre Probleme ein?
Ein Stammtischthema ist dies warscheinlich nicht. Es sprechen mich aber doch viele Patienten auf dieses Thema an. Bei jungen Patienten ist meist Stress die Ursache. In Stresssituationen – sei es beruflich oder privat – nimmt die Lust drastisch ab und kann zu Erektionsstörungen führen. Gerade in frischen Partnerschaften kann dies zu einer Abwärtsspirale führen. Manchmal hilft zum Durchbrechen dieses Teufelkreises nur der Griff zu Viagra, Cialis und Co., bis sich das Liebesleben wieder normalisiert hat.

Und was sind die Ursachen für altersbedingte Impotenz?
Im Alter wird Impotenz oft durch Gefässprobleme verursacht. Es gilt die Faustregel: Was schlecht fürs Herz ist, erweist sich auch als Potenzkiller. Dazu gehören Übergewicht, Bluthochdruck, hohe Cholesterin- und Blutzuckerwerte etc. Erektionsstörungen zeigen sich allerdings meist deutlich schneller als Herzprobleme. Ich empfehle eine gesunde Ernährung, regelmässig Sport, Gewichtsreduktion und Verzicht auf Rauchen. Patienten mit leichten Potenzproblemen können sich nach der Befolgung dieser Massnahmen oft wieder über eine gute Erektionsfähigkeit erfreuen. Bei stärkeren Potenzproblemen muss mit Medikamenten nachgeholfen werden. Natürlich verändert sich oft auch die Sexualität im höheren Alter. Wichtig ist, dass es für beide Partner stimmt.

Gibt es noch andere Methoden zur Behandlung von Impotenz?
Ja. Es gibt die Möglichkeit ein spezielles Medikament direkt in den Schwellkörper zu verabreichen. Wenn alle Stricke reissen, kann auch ein künstlicher Schwellkörper eingepflanzt werden. Eine neue, noch experimentelle Therapie ist die Angioplastie, im Volksmund «Ballönle» genannt. Dabei werden die verengten Gefässe in einem minimalinvasiven Eingriff und unter strenger radiologischer Kontrolle über einen Ballonkatheder aufgedehnt und wieder durchlässig gemacht.

Wenn Frau eine Blasenentzündung hat, geht sie im Allgemeinen zum Hausarzt oder zum Gynäkologen. Wann kommt sie zum Urologen?
Meist wenn die Blasenentzündungen sehr hartnäckig sind oder in kurzen Abständen zueinander auftreten. Manchmal handelt es sich bei den Beschwerden gar nicht um eine Blasenentzündung, sondern um eine Reizblase. Die Symptome sind oft sehr ähnlich, die Therapie jedoch sehr unterschiedlich. Bei Blasenentzündungen  werden Bakterien antibiotisch behandelt, bei einer Reizblase hingegen werden blasenberuhigende Medikamente verschrieben. Deshalb ist es besonders wichtig, dass nicht nur ein Schnelltest durchgeführt, sondern auch im Labor eine Urinkultur angelegt wird. Sie zeigt zuverlässig, ob wirklich eine Blasenentzündung vorliegt. Somit kann das richtige Medikament verschrieben werden.

Gibt es noch andere Krankheiten welche mit einer Blasenentzündung verwechselt werden könnten?
Ja. Blasentumore verursachen manchmal ähnliche Symptome wie eine Blasenentzündung. Deshalb sollte bei Unklarheiten oder Blut im Urin eine Blasenspiegelung durchgeführt werden. Dies gilt übrigens auch für Männer.

Sind Inkontinenzprobleme eine Altersfrage?
Bei Männern meist ja. Frauen können aber auch schon in jüngeren Jahren darunter leiden. Als Ursache kommen unter anderem Operationen, Blasensenkungen oder sehr starke Reizblasen in Frage. Je nach Ursache können Beckenbodentraining, Einlage eines Kontinenzbandes oder blasenberuhigende Medikamente Linderung bringen.

Kann man die Blase trainieren wie einen Muskel?
Ja es gibt diverse Möglichkeiten die Blase zu stärken. Die ideale Taktik ist abhängig vom Grundproblem. Beispielsweise Menschen, die sich über die Jahre angewöhnt haben 10 bis 20 Mal auf die Toilette zu gehen, können sich bei Harndrang versuchen abzulenken um so die Blasenkapazität wieder zu steigern. Übertreiben sollte man es natürlich nicht, denn nur zweimal täglich auf die Toilette zu gehen ist auch nicht gut. Dabei spielt natürlich auch die Trinkmenge eine Rolle.

Wie viel Wassertrinken pro Tag ist gesund?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Patienten mit Nierensteinen müssen extrem viel trinken, Menschen die Herzprobleme oder schlecht arbeitende Nieren haben, eher wenig. Faustregel sind für gesunde, erwachsene Personen mit Durschnittsgewicht und -grösse 2 bis 2.5 Liter Wasser täglich. Der Urin sollte in jedem Fall klar und hell sein.

Interview: Ursula Burgherr

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